Erfahrungen und Lebensberichte von Betroffenen

J. Mitglied im VAL

Mein Leben ist sozusagen von Sucht durchzogen. Ich bin 57 Jahre jung und weiblich. Die Geschichte ist klassisch.


Alkohol schon in der Familie, ich bin nicht richtig erwachsen geworden, konnte es nicht werden, auch weil keine gesunde Fürsorge gewährleistet war. Wild, mit zwei Brüdern aufgewachsen. Wir drei wurden drogenabhängig bis hin zu Heroin, Kokain, Medikamenten und immer auch Alkohol, als steter Begleiter.

Ich habe seit mehr als 10 Jahren keinen Kontakt mehr zur Familie, ich wollte weg von Drogen und Alkohol und versuchte mich zu schützen, indem ich den Kontakt zur Familie irgendwann komplett abbrach. Ich wusste bis vor kurzem nicht, ob noch jemand lebt. Jetzt ist ein Bruder und auch die Mutter tot und der andere Bruder schwerst krank und geistig irgendwo in der Vergangenheit stehen geblieben. Aber das ist eine andere Geschichte. Ich kam ‘82 nach Berlin, wurde schwanger und zog mein Kind allein groß.

Bis zum 9. Lebensjahr meiner Tochter schaffte ich es, irgendwie. Dann brachte ich meine Tochter freiwillig in ein Heim, um diesmal wirklich clean zu werden. Nach einem halben Jahr, Drogenentzug und Therapie konnte ich mein Kind wieder zu mir nehmen und blieb mit ihr zusammen insgesamt 2 Jahre in einer Einrichtung für drogensüchtige Mütter mit Kindern. Die gesamte Leidensgeschichte der Heroinsucht möchte ich hier allen bewusst ersparen. Wenn ich gefragt werde, sage ich immer, stellen sie sich das gesamte Spektrum vor, dann kommen sie annähernd an das, was abgelaufen ist. Ich bin nicht mehr in der Lage alles an einem Stück zu formulieren. Ich weiß aber auch, dass ich als alleinerziehende Mutter fast Unmögliches geleistet habe und meinem Kind die beste mir mögliche Fürsorge angedeihen ließ, denn ich wusste immer, sie kann nichts dafür.

Es gab wenige Zeiten ohne Alkohol und Kiffen, ich hatte immer noch nicht gelernt, mit Problemen umzugehen, auch beruflich war ich oft überfordert und suchte im Rausch Entlastung. Oft wollte ich einfach nicht mehr da sein, weil mir alles zu viel war.


Heute ist meine Tochter 35 und abgesehen von meiner Abstinenz, diese hat inzwischen die größte Priorität, ist meine Tochter mein größter Schatz. Sie ist mir bis heute dankbar für meine Liebe und Fürsorge und für ihre wunderschöne Kindheit. Sie ist in meiner Geschichte mitgegangen aber nie darin gefangen gewesen. Vielleicht hatte ich auch ein bisschen Glück und ich hatte ja immer wieder auch trockene und cleane Zeiten. Wir haben eine gute herzliche und vertrauensvolle Beziehung. Als sie auszog, wurden meine Alkoholprobleme wieder schlimmer, eigentlich war Alkohol auch eher Ersatz für die Kifferei, die ich mir nicht mehr leisten konnte. Ohne kiffen vertrug ich auch nicht viel Alkohol und alles geriet durcheinander. Ich war mein ganzes Leben lang überfordert, angefangen bei dem Versuch, gesellschaftliche Normen zu erfüllen, gleichzeitig mein Kind gut zu versorgen und großzuziehen und unsere Existenz zu halten und das alles immer völlig allein und ohne Unterstützung von Freunden oder Familie. Aus dem Suchtkreislauf und der Einsamkeit hatte ich einfach nie ganz herausgefunden.

Dann begann ich 2012 erneut eine Langzeittherapie und war danach über 3 Jahre sauber. Das erste Mal in meinem Leben, auch vom Gefühl her, ich wollte wirklich clean und trocken bleiben. Nach der 4 monatigen Therapie war alles ziemlich zufriedenstellend erfüllt und plötzlich war da "nur" noch ICH.
Als ich wieder ins Arbeitsleben einstieg, erwischte mich eine Autoimmunerkrankung und ich bin fast gestorben, musste erleben, wie allein ich doch bin. Ich hatte mich auch durch die Erkrankung, die selten ist und in meinem Fall schlecht zu therapieren war, fast verloren. Leider betraf das auch meinen geistigen Zustand. Ich kam an Erlerntes nicht mehr heran. Es war die Komplettaufgabe meines Lebens, ich war verloren und so fühlte es sich auch an und ich trank wieder, auch weil ich keine anderen Drogen nehmen wollte, es war nicht übermäßig viel aber das Gefühl kannte ich, das konnte ich noch. Es war etwas, was zu meinem Leben gehörte und ich hilt daran fest, ich wollte eine Orientierung damit finden, es war nichts anderes mehr da. Ich wusste trotzdem um den Trugschluss und da war doch noch ein Zipfel Lebensmut. Ich fand nur langsam zu mir, fasste aber nochmals neuen Mut, gefühlt zum abertausendsten Mal.

Nun wollte ich kein Opfer mehr sein. Ich wollte endlich mein eigenes Leben und ich fand es in der Abstinenz. Ich ging in die Gruppen des VAL, holte mir u.a. Hilfe beim Krisendienst und bekam auch die Erkrankung langsam in den Griff. 


Die Abstinenz, jetzt seit nunmehr wieder über 3 Jahren, konnte ich nur aufrecht erhalten, weil ich im VAL Unterstützung fand, nicht alleine war und bis heute konsequent die Selbsthilfegruppe besuche.


Ich rang mich anfangs stupide und ohne Verstand durch die Gruppen und wollte nur eins, trocken und clean bleiben. Jeden Tag aufs Neue und immer nur HEUTE. Ich wusste, wenn andere es hier schafften, konnte ich es vielleicht auch. Es musste an mir liegen und vielleicht würde ich es eines Tages noch herausfinden, wie ich es schaffen kann. Die große Problematik lag  in der Einsamkeit und des Gefühls, alleine mit allem zu sein.

Das Verständnis dafür erlangte ich erst in der Selbsthifegruppe, in der ich letztlich auch geblieben bin. Ich bin Dank des VAL's nicht mehr alleine und darf sein, so wie ich bin. Ein großes DANKESCHÖN an diesen Verein mit ganz viel Demut bin ich hier gerne Mitglied und weiß, ohne Euch, könnte ich nicht clean und trocken bleiben. Hier finde ich Mut, Kraft und Lebensfreude, ihr alle helft mir, meiner Probleme bewusst zu sein und diese zu bewältigen, ohne Alkohol und Drogen. Ich habe jetzt ein wunderschönes Leben, wie ich es zuvor nie kannte, das mag ich nicht mehr hergeben.

Vielen lieben Dank an den VAL e.V.


Das ist natürlich nur ein ganz grober Ausschnitt meines Lebens. Es gab auch schöne und gute Zeiten aber
ich wusste nie, dass es auch ein Leben ohne Alkohol und Drogen geben kann. Hab's einfach nicht kennen gelernt, erst als der Tod an die Tür klopfte, und mir die Tatsache bewusst wurde, dass nur ich selbst mir helfen kann, indem ich Unterstützung auch von anderen annahm. Ich bekam den Mut, das Leben auch für mich zu fühlen und die Verantwortung dafür zu übernehmen.

Ich war es mir wert. Es durfte sein.
Ich durfte sein, so wie ich bin, im VAL und auch im Leben.


Jetzt muss ich nicht mehr kämpfen und ich muss nicht mehr trinken!